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Feuertaufe

Donnerstag, den 26. Juni 2008 um 20:48 Uhr

Mein Glanzstück, oder das verrückteste was ich je gemacht habe, ist bis heute die Fahrt von Duisburg nach Amsterdam. Ich fuhr damals noch als Matrose und war, was das fahren eines Schiffes angeht zwar nicht mehr grün hinter den Ohren, aber auch nicht so erfahren wie ich es eigentlich hätte sein müssen für das was hier auf mich zukam.

Wir sind die Nacht davor gegen 22.00 Uhr in Duisburg angekommen und haben Feierabend gemacht. Mein Schiffsführer war aus Duisburg und wollte nach Hause. Ich bekam gesagt das wir am nächsten Morgen um 5 Uhr weiterfahren.Wir sind auch planmäßig losgefahren und ich war gerade dabei mir Kaffee zu machen als ich ins Steuerhaus gerufen wurde. Meinem Schiffsführer ging es nicht so gut (er hatte wohl zuhause ein wenig gefeiert wie ich hinterher erfahren habe) und er meinte er legt sich noch was hin und ich sollte fahren. Gut, es war Frühling und um 6 Uhr schon hell.

Nebel

Nachdem ich gut eine Stunde gefahren bin bekamen wir Nebel mit einer Sichtweite unter 80 Metern. Ich konnte das Vorderschiff nicht mehr sehen. Ihr müßt wissen das man ohne Rheinpatent eigentlich nicht ohne anwesenheit des Schiffsführers im Steuerhaus fahren darf. Dieses und die Tatsache das niemand im Steuerhaus war der ein Radarpatent besaß wäre schon Grund genug gewesen das Schiff zu stoppen, beziehungsweise den Schiffsführer bescheid zu sagen. Aber alle Versuche den Schiffer zu wecken schlugen fehl. Zum Glück verfügte ich über ausreichend Kenntnisse über den Rhein und ein wenig über das Fahren nach Radarbild. Ich fuhr also weiter, was anderes blieb mir auch nicht übrig. Den Rhein zu Tal war nicht weiter schwer. Nur der Nebel wurde von Minute zu Minute dichter.

Amsterdam-Rhein Kanal

In Thiel (Niederlande) musste ich den Rhein verlassen und in den Amsterdam-Rhein-Kanal einfahren. Das war nicht das Problem, nur gibt es dort mehrere Schleusen die befahren werden mussten. Die erste Schleuse liegt ein paar hundert Meter hinter der Einfahrt und ich hab Blut und Wasser geschwitzt weil ich durch den Nebel nichts sehen konnte. Nicht mal die Einfahrt der Schleusenkammer war durch Fehlechos im Radarbild klar zu erkennen und im Radar ist die Abbildung auch so schon mehr als dürftig. Ich konnte nicht anders und versuchte mein bestes. Ich tastete mich im Schleichgang vor und mit Hilfe meines Arbeitskollegen, der vorne an Deck stand und mir durch Sprechfunk ansagte wo die Einfahrt ist und wieviel Meter Platz ich noch habe, klappte es überraschenderweise doch ganz gut.

Nachdem wir das Schiff in der Schleuse fest gemacht hatten und ich einen Moment Zeit hatte versuchte ich den Schiffsführer zu wecken. Aber da war nichts zu machen. Der Anblick den mir mein Schiffsführer bot war erbärmlich. Ihm ging es wirklich schlecht. Der Eimer der neben dem Bett stand und weitere Spuren im Bett sprachen Bände. Gut, vor mir lag ein Kanal und es gibt nichts einfacheres zu befahren als ein Kanal, aber im Nebel ? Kanäle sind nicht besonders breit und man ist ja nicht alleine unterwegs. Ich war schon froh überhaupt so weit gekommen zu sein ohne in einer Havariestatistik aufzutauchen. Aber einfach das Schiff irgendwo anzubinden und abzuwarten bis der Nebel sich verzog kam nicht in Frage, wir hatten einen festen Termin zum Laden und die Firma drängte darauf.

Ich fuhr also weiter. Nachdem ich eine Engstelle von 14 Metern Durchfahrtsbreite, es wurden Bauarbeiten an der Kanalmauer ausgeführt, passiert hatte kam ich nach Utrecht. Die Boje die ich in der Engstelle durch ein ausweichmanöver versenkt habe verschweige ich hier mal. In Utrecht war die Sicht noch schlechter geworden und ich mittlerweile schweißgebadet. Es gibt in Utrecht ausgezeichnete Liegeplätze für Schiffe und ich war drauf und dran das Schiff hinzulegen da mir die Sache zu heikel wurde. Leider war dort bereits alles belegt mit Schiffen die darauf warteten das sich der Nebel verzieht. Als ich dann über Sprechfunk hörte das die Sicht ein paar Kilometer weiter besser werden sollte und die Sonne durchkommt war ich mehr als erleichtert. Ich fuhr also weiter. Kurz vor Amsterdam (wie war das noch: "paar Kilometer" ?) wurde mit jedem Kilometer den ich weiter fuhr die Sicht auch tatsächlich besser und mir fiel ein Stein vom Herzen als ich weiter als nur 50 Meter sehen konnte.

Klare Sicht

In Amsterdam hatte der Nebel sich dann vollständig verzogen und ich hatte freie Sicht. Na super, jetzt bin ich ja auch da. Von hier an war der Rest ein Kinderspiel, aber ich kann euch sagen, ich war fix und fertig. Ich fuhr noch bis zu unserem Bestimmungshafen und wir legten dort an. Nach einem absichtlich recht heftigem Anlegemanöver (ich wollte den Schiffsführer damit aus seinem Koma wecken) meldete ich das Schiff noch bei der Firma an damit die auch wissen das wir da sind.

Auf dem Rückweg vom Büro kam mir der Schiffsführer entgegen. Ich werde sein Gesicht nie in meinem Leben vergessen. Er sah aus wie ein kleiner Junge und wußte überhaupt nicht was passiert ist und wieso wir in Amsterdam sind. Nicht mal daran das er selbst am morgen losgefahren ist konnte er sich erinnern. Als ich ihm dann alles erzählt habe war das Gesicht länger als der Rhein, ganz besonders das mit dem Nebel, denn davon hat er auch nichts mitbekommen. Nachdem sich dann die ganze Aufregung um das geschehene gelegt hatte war die Welt wieder in Ordnung.

Für mich war dieses Erlebniss eine Art Startschuss. Ich hab in den Monaten danach von eben diesem Schiffsführer mehr über das fahren, besonders mit Radar, gelernt als in den Jahren davor. Ich bin bei jeder Tageszeit gefahren, egal welches Wetter war, ob bei Regen, Sturm, Nebel, Schneetreiben oder sonst was.

Man hat es nicht leicht auf einem Schiff, es macht aber auch Spaß. Trotzdem habe ich bis heute mein Patent nicht gemacht. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen als Schiffsführer zu fahren. Ich möchte aber auch nicht ewig Steuermann bleiben. Dann gibt es da noch das Problem mit meiner Sehkraft. Ich kann kein Radarpatent machen, dass ich als Schiffsführer haben muß damit ich auch Nachts fahren darf. Der Grund dafür ist mein rechtes Auge, auf dem ich nur 30 % Sehkraft habe. Ich hoffe das sich die Methoden zur Behandlung von Fehlsichtigkeit und Hornhautverkrümmung noch weiterentwickeln und ich mir meine Augen in Zukunft mit Hilfe eines Lasers korrigieren lassen kann. Im Moment ist dieses bei mir leider noch nicht möglich.


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Kommentare (5)Add Comment
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geschrieben von thea , 15 October, 2009
Ich hoffe auch, dass du jetzt mit der Bezahlung besser dran bist, als wie du beschrieben hast.
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geschrieben von thea , 15 October, 2009
Ja klar, wenn man als zurückdenkt, ist schon mancher Blödsinn dabei.
Sollte nicht belehrend wirken. Ich wünsche allzeit gute Fahrt auf dem Schuber !!!
Bahamut
Re: Leichtsinn
geschrieben von Bahamut , 13 October, 2009
Hallo Thea

Ich denke, darüber braucht man sich nicht zu streiten, es war mehr als Leichtsinnig von mir. Damals hab ich das aber anders gesehen als heute. Mit meinem damaligen Wissensstand hätte ich das nie machen dürfen. Heute ja, da fahre ich mit einem Schuber und 4 Backs Tag und Nacht rauf und runter. Heute hab ich auch das Wissen dazu.

MfG
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geschrieben von Thea , 12 October, 2009
Sonst möchte ich noch anfügen: schöne WEB-Seite die du da gemacht hast, trotz der oben beschriebenen Aktion im Nebel.

Gruss Thea
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geschrieben von Thea , 12 October, 2009
Ich glaube, dass wahr extrem leichtsinnig und gefährlich von dir, im Falle eines Unfalles wärst du und der besoffene oder kranke Schiffsführer zu recht bestraft worden. Stelle dir vor, du hättest eine kollision gehabt mit einem Tankschiff (vielleicht Gastanker) oder Fahrgastschiff und das alles nur wegen Terminen und einem verantwortungslosen Schiffsführer. Ganz zu Schweigen von den zivilrechtlichen Ansprüchen die da kommen können. In diesem Falle relativiert sich wohl das Bild von der so sicheren Binnenschiffahrt aufgrund verantwortungslosem Personal, leider !!!
Warum geht man so ein dummes Risiko ein ???? Gott sei Dank ist das ja gutgegangen.

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