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Morgengrauen

Donnerstag, den 26. Juni 2008 um 20:56 Uhr

So sicher die Binnenschiffahrt auch ist, passieren kann immer was. Und wenn was passiert dann meist richtig.

So wie im Winter 1984. Ich war gerade 17 und fuhr zu dieser Zeit als Matrose auf dem Maintank 4. Wir kamen beladen mit Flugzeugbenzin (Jet) von Rotterdam und unser Ziel war Kelsterbach bei Frankfurt a. M. Da wir die Anweisung hatten nachts nicht durchzufahren machten wir gegen 23 Uhr Feierabend in Millingen (Niederlande) etwas oberhalb der Bunkerstation. Mein Arbeitskollege und ich bekamen von meinem Vater, der unser Schiffsführer war, gesagt das wir gegen halb Fünf weiterfahren.

Anker auf...

Nachdem wir gegen vier Uhr aufgestanden sind und uns um die Hauptmaschine gekümmert hatten begannen wir die Anker hochzudrehen. Unser Ankermotor, ein alter Diesel, war nicht der schnellste dabei und so dauerte das immer etwas länger. Über die Wechselsprechanlage, über die wir in Kontakt mit dem Steuerhaus standen, hörten wir dann den Schiffsführer sagen : "Guckt euch den da vorne mal an, der fährt kreuz und quer von einer Seite nach der anderen." Da es dunkel war sahen wir erst mal nicht viel, nur die Positionslaternen waren schwach zu erkennen. Diese wechselten, abgesehen von der Toplaterne, mal von rot nach grün und wieder zurück. Ein klares Zeichen dafür das da jemand nicht weis wo er lang muß. Wir drehten weiter die Anker raus.

Neugierig und interessiert sahen wir trotzdem immer wieder nach vorne um zu sehen wer oder was da zu Tal gefahren kam und warum dieses Schiff schlangenlinie fährt. Das Schiff war jetzt noch gut einen Kilometer entfernt. Schnell schien es nicht zu fahren. Trotzdem machte sich wohl jeder von uns seine Gedanken. Es hat nichts gutes zu bedeuten wenn ein Schiff so außer Kontrolle gerät. Ursachen kann es viele haben. Ein ausfallen der Ruderanlage ist mit das schlimmste was einem passieren kann.

Blaues Licht im Mondenschein...

Zu unserem Schrecken sahen wir dann auch die blaue Lampe auf dem Steuerhaus. Ein Signal dafür das dieses Schiff hochexplosive Stoffe geladen hat. Unsere Ladung gehörte ebenfalls in diese Klasse. Über die Wechselsprechanlage wurden wir zur Eile angetrieben was das Anker hochholen anging. Dem Schiffsführer war die Sache nicht ganz geheuer wie er uns sagte. Uns auch nicht, den so wie das Schiff ständig seinen Kurs wechselte konnten wir sehr schnell in die Schusslinie geraten. Und nicht nur wir, denn keine 100 Meter vor uns lag ein weiterer Tanker mit explosiver Ladung und hinter uns lagen auch noch 2 Schiffe.

Wir bekamen den nächsten Schreck verpasst. Dieser Tanker war leer. Jeder der sich ein wenig mit leeren Tanks für explosive Stoffe auskennt wird wissen das leere Tanks dreimal gefährlicher sind als volle. In leeren Tanks ist die Sauerstoff/Gas Konzentration um ein vielfaches höher und explosiver. Eine schwimmende Gasbombe.

Das Schiff war jetzt noch 400 Meter entfernt und lag fast quer im Rhein und fuhr geradewegs auf das uns gegenüber liegende Ufer zu. Ich dachte schon er parkt jetzt zwischen den Krippen vorwärts ein, aber dem war leider nicht so. Kurz vorher scheint der Schiffsführer gemerkt zu haben das es da nicht weitergeht und steuerte massiv gegen. Wir hörten die Maschinen aufheulen und seine Matrosen bis zu uns hin schreien. Das Schiff war jetzt keine 150 Meter mehr von uns entfernt - und hielt genau auf uns zu...

Auf Kollisionskurs

Aus dem Steuerhaus kam ein Schrei wir sollten von der Ankerwinde weggehen. Unser Schiffsführer versuchte trotz Anker mit dem Schiff wegzukommen. Dadurch das dieses Geisterschiff die Maschinen voll aufgedreht hatte kam es jetzt um einiges schneller auf uns zu. Unsere Maschinen liefen volle Kraft rückwärts um uns aus der Linie zu bringen. Nach vorne konnten wir nicht, dort lag noch ein Schiff. Und genau darauf steuerte das Geisterschiff jetzt zu. Wir kamen nicht weg, das Anker hielt uns zu sehr fest.

50 Meter... Ich seh 2 Leute von dem Schiff vor uns runterspringen. Nichts tat sich, das Geisterschiff hielt weiter darauf zu, die Matrosen rennen weg vom Vorschiff... 30 Meter.. einer springt über Bord.. 20 Meter... ich seh auf dem Schiff vor uns jemanden schreiend nach vorne, weg vom Hinterschiff auf das dieses Geisterschiff zufährt, rennen....10 Meter.. mein Arbeitskollege schreit mich an ich soll über Bord springen.

Von hier an seh ich das folgende noch immer wie einen Film vor meinem geistigen Auge ablaufen...

Das Geisterschiff rammte mit voller Wucht das Hinterschiff des vor uns liegenden Tankers. Es schob sich regelrecht auf den Tanker drauf und riß mit seinem Anker die Wohnung wie eine Konservendose auf. Das Geisterschiff hob sich vorne gut 2 Meter aus dem Wasser und drückte das darunterliegende Schiff weg. Der Krach den zerreißender Stahl macht werd ich wohl nie wieder vergessen. Die Maschinen des Geisterschiffes liefen weiter auf volle Touren. Jetzt begann es seitlich von dem Tanker abzurutschen und kam genau in unsere Richtung. An Geschwindigkeit hat es bei dem ersten Aufprall nicht viel verloren...

Uns war klar das wir jetzt dran sind. Das Anker mit dem das Geisterschiff den Tanker vor uns aufgeschlitzt hat hing jetzt 2 Meter tiefer, fast auf gleicher Höhe mit unserer Bordwand hinter der sich unsere Tanks befinden. Und das Schiff nahm auf dem kurzem Weg noch mehr fahrt auf. Ich steh wie gelähmt an Deck und kann nicht glauben was da passiert. Ich seh 2 Leute an uns vorbeitreiben, das müssen die von dem Tanker vor uns sein. Noch 40 Meter... Mein Arbeitskollege packt mich und schiebt mich weg während er mich anbrüllt ich soll rennen. Rennen ? Wohin denn ? 85 Meter Schiff, davon 60 Meter Ladungsbereich, randvoll mit Jet. Ich will hier weg, aber wohin ? Ich überlege zu springen, aber ich wäre garantiert untergegangen. Es war tiefster Winter und ich hatte ziemlich viele und auch schwere Sachen an. Hinten sehe ich meine Eltern neben dem Steuerhaus hin und her rennen. Ich glaube die hatten den gleichen Gedanken...springen...

Dann krachte es, aber richtig. Das Geisterschiff traf uns im Ladungsbereich zwischen Raum 1 und 2. Ich dreh mich um und seh wie sich das Schiff auf uns schiebt. Es gibt einen gewaltigen Schlag und ich lieg lang auf Deck. Unser Schiff neigt sich auf die Seite und das Geisterschiff kommt immer näher, keine 10 Meter von mir weg. Stahl zerreist, Funken fliegen durch die Gegend, von hinten hör ich jemanden meinen Namen schreien. Eigentlich warte ich nur noch auf den großen Knall wenn sich die Ladung entzündet und uns alle aus dem Wasser sprengt. Das Geisterschiff rutscht seitlich langsam wieder runter und schiebt sich weiter an unsere Bordwand entlang und es sieht beinahe so aus als wäre dort im Steuerhaus endlich jemand aufgewacht.

Davongekommen

Ich lieg immer noch lang an Deck und seh wie sich das Schiff entfernt. Ich kann nicht glauben das wir noch leben. An das was in den folgenden Stunden unmittelbar um mich rum passierte kann ich mich, durch den Schock den ich dabei erlitten habe, nicht mehr wirklich erinnern. Ich weis nur noch das dieses Schiff weiterfuhr als wäre nichts gewesen.

Wie wir später erfahren haben ist dieses Schiff noch bis nach Nijmegen gekommen. Auf seinem Weg dorthin hat es seine Fahrweise beibehalten und einige entgegenkommende Schiffe in arge Schwierigkeiten gebracht. Auch die mittlerweile alamierte Wasserschutzpolizei wurde beim Versuch auf das Schiff zu kommen mehrmals gefährlich abgedrängt und beinahe versenkt worden. Letztendlich wurde es doch von der Polizei gestoppt. In der Verhandlung gegen den Schiffsführer hat sich herrausgestellt das dieser unter Alkohol und Drogen gestanden hat. 4 Jahre Haft bekam er für das was er angerichtet hat. Sein Patent wurde eingezogen.

Was mich angeht so hab ich lange gebraucht um das erlebte zu verarbeiten. Ich wollte nie wieder auf einem Tanker arbeiten. Mir war die Sache zu gefährlich. Das Risiko ist so schon nicht gerade gering und wenn man dann noch sowas mitmachen muß kann man schon die Lust verlieren. Ich habs nicht gemacht... Ich bin auf dem Schiff geblieben und später auch auf anderen Tankern gefahren. Bis heute ist mir nichts vergleichbares mehr passiert.

Das Geisterschiff, sein Name war "Navex 16", habe ich danach nie wiedergesehen. Keine Ahnung wo es abgeblieben ist, aber das ist wohl auch besser so.

Die Schäden an unserem Schiff waren geringer als gedacht. Die Situation an sich lies es wohl schlimmer aussehen als es war. Nach einem kurzen Werftaufenthalt konnten wir wieder fahren. Etwas mulmig ist mir heute noch auf Tankern, das erlebte werd ich nie vergessen. Aber wie groß ist wohl die Chance jemals wieder so einem Geisterschiff zu begegnen...

Kommentare (1)Add Comment
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Klasse Website - informativ und unterhaltsam spannend :-)
geschrieben von Jürgen , 28 January, 2010
Hallo Bahamut, ich habe gern und viel über Dich und Deine Fahrenszeit auf der schönen Website gelesen, die ich sehr informativ und unterhaltsam finde - besonders diese Story war natürlich extrem spannend zu lesen. Mit einiger Bestürzung habe ich natürlich auch Deine Ausführungen zu Tarifen und Billiglöhnen in der Schifffahrt und den Trend zur Leiharbeit gelesen. Und wenn ich das so lese bin ich doch fast froh dass ich mich "damals", auch um 1980 herum, gegen das A6 Patent entschieden habe. Doch heutzutage gibt es eigentlich kaum eine Branche die nicht unter dem hemmungslosen Arbeitsplatzabbau durch Rationalisierung, Vollautomatisierung und Gewinnmaximierung leidet. Es wird einfach Zeit endlich zu begreifen, dass jeder der an dieser Entwicklung in den letzten zig Jahren durch seinen Arbeitseinsatz mitgewirkt hat, auch einen Anspruch auf Teilhabe an dem entstandenen Produktionszuwachs hat - dazu sollte endlich das (IMHO bedingungslose) Grundeinkommen eingeführt werden, das Dir dann z.B. einen problemloseren Wechsel in eine andere Tätigkeit ermöglichen würde. Wenn die vorgenannten Entwicklungen Arbeitsplätze zu Hundettausenden überflüssig machen können, warum sollen dann von der Frucht dieser Arbeit nicht alle leben und reicher an Freizeit werden? Die maßlose materielle/monetäre Gier von Wenigen zerstört diese Gesellschaft und das Leben Vieler - ich bin gespannt, an welchem Punkt unterhalb Hartz IV die Suppe in diesem Land erneut zu Kochen anfängt...

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