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Binnenschiffer funken „SOS“
Mittwoch, den 09. September 2009 um 19:20 Uhr
Bundesregierung und EU sollen helfen: Den Binnenschiffern steht in der Wirtschaftskrise das Wasser bis zum Deck. Schiffe legen still, Aufträge bleiben aus. Die Verhandlungen um Beihilfe laufen bereits. Schwerste Kriese seit der Nachkriegszeit. Welche Optionen jetzt diskutiert werden.
Die Binnenschiffer funken "SOS". Der Branche steht in der Krise das Wasser bis zum Deck - jetzt ruft sie immer lauter nach staatlicher Hilfe. Gespräche mit der Bundesregierung über Liquiditätshilfen laufen. Gleichzeitig wollen sie den EU-Reservefonds der Branche anzapfen. "Wir führen mit dem Bund Gespräche über eine Aussetzung der Tilgung von KfW-Krediten," sagte Gunther Jaegers, Präsident des Binnenschiff-Verbandes BDB, dem Handelsblatt.
Gleichzeitig will Jaegers heute in Brüssel bei den europäischen Dachverbänden für ein Anzapfen des von der Branche mitfinanzierten Reservefonds werben. Der enthält 40 Mio. Euro, allein 20 Mio. Euro davon für die Tankschifffahrt.
Ein Blick auf den Rhein genügt derzeit, um das Ausmaß der Branchenkrise zu erfassen. Schiffe liegen dort still, kaum ein Schiff pfurcht sich durch Deutschlands größten Strom. "Wir erleben gerade eine der schwersten Krisen der Nachkriegszeit," sagte Jaegers.
Die Beförderungsleistung auf Flüssen und Kanälen ist im ersten Quartal 2009 um knapp 25 Prozent auf zwölf Mrd. Tonnenkilometer gesunken. Die transportierte Menge ging um mehr als 19 Prozent zurück. Die größten Einbußen gab es bei den Trockentransporten, zum Beispiel bei Erzen und Metallen. Die Tankschifffahrt anfangs mit einem blauen Auge davon gekommen, steckt ebenfalls in der Krise. Der Containerverkehr brach im ersten Quartal sogar um mehr als 25 Prozent auf 415 000 Container ein. Eine Wende sei nicht in Sicht, sagte Jaegers. Im April habe sich der Abschwung fortgesetzt.
Laut neuester Prognose des Bundesverkehrsministers wird in der Binnenschifffahrt im Gesamtjahr ein Minus beim Transportaufkommen von 20 Prozent und bei der Transportleistung von 18 Prozent erwartet. Mit 196 Mio. Tonnen bzw. 52 Mrd. Tonnenkilometern würden die geringsten Werte seit der Vereinigung Deutschlands erreicht. 2010 erwartet der Verband bestenfalls eine Stabilisierung.
Jaegers prognostiziert, dass "mittelfristig" mit dem Anspringen der Konjunktur heute still liegende Schiffe wieder benötigt werden. Abwrackhilfen wären daher keine Hilfe. Deswegen sieht er auch im EU-Reservefonds, über dessen Inanspruchnahme heute in Brüssel beraten wird, nur eine Teillösung. Denn der springt nur bei Strukturkrisen ein. Deswegen sei der Fonds aber für die Tankschifffahrt eine Lösung. Dort müssen bis 2019 Gefahrgüter in Doppelhüllentankschiffen transportiert werden. Dies hat zu einem Schiffbau-Boom geführt, ohne dass in gleichem Maße alte Tanker mit nur einer Hülle abgewrackt wurden. Für Jaegers ein klarer Fall für Hilfen aus dem Reservefonds.
Generell stehe aber der Hilfsfonds für die Binnenschiffer nicht zur Verfügung. Anders sieht das Jaegers Konkurrenzverband BDS aus Bonn. Die hausgemachte Krise sei von der Wirtschaftskrise nur beschleunigt worden, sagte eine Sprecherin. Der Markt neige wegen der Langlebigkeit und des hohen Werts der Schiffe zu Überkapazitäten. Neue Schiffe würden gebaut, alte aber nicht abgewrackt, weil die Eigentümer sich dies wegen der hohen Kosten nicht leisten könnten.
Die 1140 Unternehmen der Branche mit insgesamt knapp 3000 Schiffen, zumeist als Selbstfahrer unterwegs, setzen im Jahr rund 1,5 Mrd. Euro mit 1700 Beschäftigten um. Der Marktanteil des Binnenschiffs im Vergleich mit dem Güterverkehrsaufkommen von LKW und Bahn liegt bei sieben Prozent, bei der Güterverkehrsleistung gemessen in Tonnenkilometern liegt er bei über 13 Prozent, etwa auf Höhe der Bahn.






