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Was Lehrlinge verdienen

Montag, den 09. November 2009 um 18:57 Uhr

Zwei Lehrlinge, zwei Welten: Während Binnenschiffer Tim, 23, für 1000 Euro im Monat über den Rhein schippert, schneidert Antonia, 18, an ihrer Nähmaschine für 200 Euro Kostüme. Eine neuer Gehaltsvergleich zeigt, wie weit Azubi-Gehälter auseinander klaffen.

Antonia ist ständig knapp bei Kasse. Dabei arbeitet die 18-Jährige schon seit zwei Jahren in der Schneiderei ihrer Eltern. 200 Euro bekommt die Auszubildende monatlich für neun Stunden Arbeit am Tag - ein ganz normales Tarifgehalt, dasselbe, das schon seit 1997 gezahlt wird, wie Antonia erzählt.

Dafür geht Antonia an zwei Tagen in der Woche in die Berufsschule, paukt Fachbegriffe der Textilindustrie auf Englisch und lernt, wie man mit Kunden umgeht. An den anderen drei Wochentagen sitzt sie vor der Nähmaschine. Ganz am Anfang durfte sie nur Röcke nähen, dann kamen auch Hosen hinzu. Mittlerweile ist sie gut genug, auch Jacketts herzustellen. "Mein Gehalt reicht hinten und vorn nicht, aber ich bin froh, überhaupt eine Ausbildungsstelle zu haben", sagt sie.

Spitzenverdiener Binnenschiffer

lehrlingsgehaltZwischen den alten und neuen Bundesländern sind die Unterschiede groß. So streicht ein Friseur-Lehrling im Westen der Republik monatlich 414 Euro ein, sein Kollege im Osten bekommt nur 257 Euro. Ein Tischler im Westen verdient 491 Euro, im Osten muss er mit 372 Euro auskommen.

Auch im Mittelfeld der Gehaltsliste bleibt eine Kluft zwischen Ost und West: Verkäufer, Mediengestalter, Bank- und Industriekaufmänner, Gerüstbauer und Maurer bekommen zwischen 600 und 800 Euro monatlich. Nur Dachdecker-Lehrlinge sind gleichauf mit den Kollegen im Westen und verdienen 720 Euro.

In manchen Berufen kommen die Azubis noch deutlich besser weg. So gehen Fahrzeuginnenausstatter mit 869 Euro nach Hause, Schifffahrts-Kaufmänner gar mit 877 Euro. Der teuerste Auszubildende aber ist der angehende Binnenschiffer. Er verdient durchschnittlich 1008 Euro pro Monat im Osten wie im Westen - und damit genau 808 Euro mehr als Antonia.

Tim, 23, gehört zu diesen reichen Lehrlingen. Und findet das nur fair. Schließlich hat er keinen leichten Job: Um fünf Uhr morgens quält sich der Lehrling auf dem Motorschiff "Karlsruhe" aus der Koje, lichtet den Anker und beginnt seine tägliche 14-Stunden-Schicht.

Starke Nerven brauche man für diesen Job, findet er, denn das Motorschiff transportiert 18 Stunden täglich Kohle zwischen Amsterdam und Mannheim. "Wir arbeiten im Schichtbetrieb: acht Stunden Dienst, sechs Stunden Bereitschaft, zehn Stunden Ruhe." Ein Knochenjob für 24 Stunden am Tag, nach jeweils 30 Tagen gibt's zwei Wochen frei. Und das "wird mit Freunden ausgekostet, man will ja auch mal Abstand gewinnen".

Ein bisschen mehr Freizeit und weniger Stress würde sich auch Antonia wünschen. Denn es kann schon passieren, dass der Familienbetrieb der Kopkas an 600 Stück Bekleidung für Messen und andere Werbeaktionen schneidern muss - in einem Monat. Antonia näht derzeit hautenge blaue Wintermäntel, in denen Promoter auf der Skipiste für Alcopops werben sollen. Auch für die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) hat sie schon Hostessen eingekleidet: "Rock plus Blazer für große Autokonzerne - das Ganze dann 200 Mal."

Jobben neben der Lehre

Klar, dass bei diesen Massenproduktionen nicht mit Hand genäht wird, sondern jeder Mitarbeiter seine eigene Nähmaschine benutzt. "Nur die Schneider etwa beim Theater nähen noch mit der Hand", sagt Antonia, "aber die haben auch viel mehr Zeit als wir." Gehaltsminimum und Arbeitsmaximum - eigentlich keine glückliche Mischung. Trotzdem bleibt Antonia bescheiden: "600 Euro im Monat wären unwirklich."

Auch Tim beklagt sich nicht über seinen Arbeitsplatz, weiß aber um dessen Härte: "Die Arbeit hier ist schon was für Leute, die anpacken können. Zart Besaitete können wir nicht gebrauchen." Deck schrubben, Ladung sichern, das Schiff reparieren - was der Schiffsführer in sein Walkie-Talkie brüllt, muss Tim ausführen, bei jedem Wetter. Ständig unterwegs, allzeit bereit, auch mal "Ladung löschen früh um Drei": Binnenschifffahrt ist harte körperliche Arbeit. Gleichzeitig müssen die Schiffer viel komplizierte Technik beherrschen: Sprechfunk, Radarsystem und Internet sind ebenfalls immer mit an Bord. "Und daher", so Tim, "sind 1000 Euro im Monat, netto, schon irgendwie gerechtfertigt."

Antonia musste indes einen anderen Ausweg aus der finanziellen Misere finden. "Jeden Mittwoch- und Freitagabend trainiere ich Kinder und Jugendliche in Geräteturnen, manchmal auch sonntags." Und damit kommt die tapfere Schneiderin dann "gut über die Runden".

Mangelwahre Lehrlinge in der Schifffahrt

Die Zahlen der Auszubildenden zum Binnenschiffer sind rückläufig. Viele Betriebe könnten mehr ausbilden, aber die Lehrstellen bleiben unbesetzt. Am Beruf Binnenschiffer kann es nicht liegen, auch nicht an der teilweise schweren Arbeit, denn sonst würden nicht immer mehr Mädchen in diesen Berufszweig vordringen. Attraktive Löhne und Freizeitregelungen sowie Aufstiegsmöglichkeiten bieten Perspektiven für die Zukunft. Einzig die Bereitschaft zu reisen sollte vorhanden sein.


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