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Schwere Zeiten: Unternehmen Partikulier
Dienstag, den 07. September 2010 um 11:21 Uhr
Den deutschen Binnenschiffern brechen die Aufträge weg. Die Angst fährt mit, denn die Preise für Frachten sind um bis zu 50 Prozent gefallen.
Als die Sonne aufgeht, ist Guido Hoppe längst auf den Beinen. Wer als Binnenschiffer wirtschaftlich überleben will, muss früh aufstehen. Denn das Transportgeschäft über Flüsse und Kanäle läuft schlecht, die Frachter fahren derzeit oft leer: „Wenn die Wirtschaft wenig produziert, transportieren wir auch weniger“, sagt Hoppe, ein Binnenschiffer in vierter Generation. Noch hält er sich über Wasser, vielen seiner Kollegen steht es schon bis zum Hals.
Im Morgengrauen prüfen Hoppe und sein Matrose ein letztes Mal die Ladung. Dann lösen sie die Leinen und legen in Gelsenkirchen ab. Die „Monte Wymper“ gleitet träge durch den Rhein-Herne-Kanal. Im Bauch des 80 Meter langen Frachtschiffs warten 1000 Tonnen Samen auf eine Rapsmühle in Neuss. Wollte man diese Menge zu Land transportieren, wäre eine Flotte von 50 Lkw nötig.
Dem 41-jährigen Hoppe reicht dafür ein mittelgroßes Schiff. Selbstständige Schiffseigentümer, die auf ihren Frachtern fahrern, nennt man auch „Partikuliere“. Die Bezeichnung leitet sich sich her vom lateinischen pars, was Teil bedeutet: Die Partikuliere sind kleine Unternehmer. Partikel, die zusammen einen großen Teil der Branche Binnenschifffahrt bilden. Sie alle fahren auf eigene Rechnung, an bis zu 320 Tagen im Jahr. Viele arbeiten als Einzelkämpfer, manche nur für eine Reederei, andere in großen Genossenschaften.
In Deutschland gibt es insgesamt 1080 Partikulierunternehmen, knapp ein Drittel befördert Fahrgäste auf Fähren oder Ausflugsschiffen. Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen (721) setzt jedoch auf Tank- oder Güterschiffe, 963 ihrer Frachter fuhren im Jahr 2008 unter deutscher Flagge.
Die Schiffe werden im Hafen beladen, steuern über Flüsse und Kanäle den nächsten Ort an, „löschen“ dort ihre Ladung und legen wieder ab. Es ist ein traditionsreiches Gewerbe, das mehr als zehn Prozent des Güterverkehrs in Deutschland bewegt.
Ob Steine, Stahl, Kohle und Öl, Futter- oder Nahrungsmittel – auf deutschen Wasserstraßen transportierten Binnenfrachter im Jahr 2009 fast 204 Millionen Tonnen Güter. Eine Zahl die groß klingt, aber innerhalb eines Jahres um 17 Prozent geschrumpft ist.
Die fetten Jahre sind vorbei. Die Wirtschaftskrise hat die deutsche Binnenschifffahrt schwer getroffen. Der Umsatz lag 2008 noch bei 1,67 Milliarden Euro: „Jetzt dürfte auch er deutlich niedriger liegen“, sagt Andrea Beckschäfer von der Abteilung Binnenschiffahrt im Bundesverband der Selbstständigen (BDS). Einzelne Partikuliere und auch die großen Genossenschaftensprechen von einem Umsatzrückgang von mehr als 20 Prozent.
„Wir haben aktuell eine Situation in der Binnenschifffahrt, die ist historisch katastrophal“, sagt der Partikulier Hoppe, während er die Ruhrschleuse in Duisburg passiert. Er fährt jährlich 30 bis 40 Frachten, seit der Krise sind es zehn weniger. Die nächsten Aufträge sucht Hoppe meist mühsam über das Telefon. „Wir haben momentan wenig Auswahl. Da heißt es oft: Nimm es oder lass es.“
Bereits Ende 2008 gab es spürbar weniger Ladungen, die Frachten gingen rasch zurück. „Im Frühjahr 2009 war die Auftragslage dann wie abgeschnitten“, erinnert sich Hoppe. Da der verfügbare Schiffsraum aber konstant blieb, nahm der Konkurrenzkampf zu.
Für bestimmte Frachten fielen die Preise um bis zu 50 Prozent: „Wir unterbieten uns gegenseitig“, sagt Hoppe. „Dadurch sind die Preise regelrecht abgestürzt, fast ins Bodenlose gefallen.“
Ein Beispiel: Anfang 2008 fuhr ein Partikulier die Tonne Weizen für etwa acht Euro von Hamburg nach Hannover. Jetzt zahlt der Auftraggeber nur noch vier Euro. „Wer die Ladung unbedingt braucht, geht mit dem Preis runter“, sagt Hans-Egon Schwarz, Vorstand der Deutschen Transportgenossenschaft Binnenschifffahrt (DTG), die für etwa 130 selbstständige Partikuliere auch in trüben Zeiten nach Aufträgen fischt.
Guido Hoppe hat es vergleichsweise gut, er muss nicht jeden Auftrag annehmen. Sein 1000-Tonnen-Frachter ist inzwischen abbezahlt Der Neupreis liegt heute zwischen zwei und drei Millionen Euro. Andere Partikuliere, die vor der Krise investierten, sind mit den Raten im Rückstand und fahren gerade kostendeckend. „Da geht jetzt das Heulen und Zähneklappern los“, sagt Hoppe. Die Zahl der Insolvenzen stieg in der Krise nicht, die Banken halten noch still. Doch bei Guido Hoppe fahren die Sorgen mit. „Wirtschaftlich ist es das erste Mal in meinem Berufsleben, dass ich nicht weiß, wo die Reise hingeht.“

geschrieben von copudor , 17 October, 2010
Reiner Zufall das ich auf diese super Website gestoßen bin.
Mann, Du hast es echt drauf!
Mein Männe ist selbst in der Binnenschifffahrt als Matrose/Steuermann tätig gewesen (1967 - 1985). Verschiedene Reedereien und auch Partikuliere. Übrigens, auch auf dem Schubboot Herkules 3. Damals fuhr das Boot noch für die Krupp-Reederei. Das war in den 70er Jahren.
Auf einer seiner Reisen habe ich ihn dann kennen gelernt (http://copudor.blog.de/2010/09/20/wette-9426578/) und bin einige Jahre mitgefahren. Zuletzt MS Calypso. Das Schiff haben wir damals nach dem Umbau auf der Meidericher Schiffswerft dort abgeholt.
Ich werde mich hier jetzt öfters blicken lassen. Mein Wort drauf.
Grüßchen und gute Reise
copudor






erstmal liebe Grüße an alle von uns....
Du hast so recht, ich selber leider nicht mehr auf Binnenschifffahrt, weil meine Eltern schon vor Jahren verkauft haben, und es war damals ja schon nicht mehr so einfach (M/S Irmgard, Brake)......
Guido, du schaffst es......
Liebe Grüße