Damals und Heute
Auf dieser Seite möchte ich mal einen Vergleich zwischen der Binnenschiffahrt wie sie damals zu meiner Anfangszeit war und heute ziehen. Mit damals ist die Zeit um 1980 bis 1985 gemeint, meine ersten Jahre in der Schiffahrt. Es hat sich sehr vieles verändert in den letzten Jahren. Manches ist besser geworden, anderes wiederrum schlechter. Fortschritt ist auch hier nicht immer ein Segen. Um das ganze nicht ins Uferlose ausarten zu lassen und um die Übersicht zu erhalten, stelle ich die Angaben im direktem Vergleich gegenüber.
Oder kurz gesagt : Das wird eine sehr lange Seite.
Beginnen wir doch einfach mit den Schiffen ..
Schiffe an sich..
..sind ja nichts besonderes, sieht man ja jeden Tag. Von wegen, wer das denkt kennt die Schiffe "von früher" nicht. Das auffälligste, von außen betrachtet, in der Entwicklung der Schiffe ist die Größe. Während damals Schiffe mit einer Länge von 85 Meter und einer durchschnittlichen Breite von 8.40 bis 10.50 Meter an der Tagesordnung waren und es nur wenige Schiffe mit einer Länge von 105 Meter gab, sind heute sogar Schiffe mit einer Länge von 110 Meter und einer Breite von 11.40 Meter klein geworden.
In der Binnenschiffahrt scheint sich die "Gigantomanie" breit zu machen. So fahren heute schon Schiffe auf dem Rhein die eine Größe von 135 mal 15 Meter. haben. Und laut Gerüchteküche soll das noch nicht das Ende sein. Bisher handelt es sich dabei hauptsächlich um reine Containerschiffe die im Linienverkehr nur auf dem Rhein fahren. Für Nebenflüsse wären diese zu breit, sie würden in keine Schleuse reinkommen. Angeblich soll ein Doppelhüllentanker mit einer Länge von 147 Meter für den Linienverkehr auf dem Rhein im Bau sein. Leider hab ich bisher nirgendwo Informationen dazu gefunden, werde aber weiter dranbleiben.
Auch baulich unterscheiden sich die Schiffe gewaltig im Vergleich zu früher. Wärend man damals Schiffe mit unendlich vielen Ecken, Winkel, Schnörkelkram und offen liegenden Spanten gebaut hat, geht man heute mit viel mehr Feingefühl an die Sache ran. Streben und Spanten verschwinden unter Deck wo sie früher offen lagen und jeden Matrosen, der da streichen oder entrosten sollte in den Wahnsinn trieben weil es kein Ende nahm. Leitungen, sei es Wasser oder Elektrik, die damals kreuz und quer über Deck verliefen oder an unmöglichen Stellen verlegt waren werden heute schön versteckt angebracht. Es gibt allgemein weniger Winkel, Ecken und Kanten. Man baut mehr gerade, freie Flächen mit klaren Linien. Das sieht nicht nur optisch gut aus, es macht auch das arbeiten mit dem Schiff um ein vielfaches einfacher. Ganz besonders gut haben das die Holländer drauf. Wenn ihr mal an den Rhein kommt achtet doch mal auf die Schiffe. Guckt euch die Neubauten unter deutscher Flagge an und vergleicht diese mal mit den Neubauten unter holländischer Flagge. Da wird einem der Unterschied schnell klar. In Deutschland gilt : Zweckmäßig und gewinnbringend müssen Schiffe sein. Hauptsache es fährt und die Technik funktioniert. In Holland kommt noch hinzu das es gut aussehen muß, das es technisch auf dem neuesten Stand ist, das die Besatzung sich wohlfühlt und das man mit dem Schiff gut zusammenarbeiten kann. Dafür investieren holländische Reeder und Eigner im Schnitt 400.000 € mehr in ihre Schiffe (was sie sich dank staatlicher Subventionen problemlos leisten können). In dieser Beziehung haben deutsche Schiffsbauer bzw. deren Eigner noch vieles hinzuzulernen.
Die Stromversorgung - 24 Volt Starkstrom
Damals gab es auf Schiffen keine Stromversorgung wie heute. Ständig 220 Volt zu haben war Utopie und nur ganz selten (wenn überhaupt) zu finden. Eigentlich hatte man die nur wenn der Jockel (ein kleiner LKW Dieselmotor der den Generator antrieb) lief, aber wer möchte schon rund um die Uhr so einen lauten Diesel knattern und knallen hören ? Vielmehr war 24 Volt Batteriestrom an der Tagesordnung. Bei den Batterien handelte es sich um große Blockbatterien wie man sie noch heute in LKWs findet. Wir hatten damals 8 Stück davon an Bord die in Reihe geschaltet waren so das wir zwei bis drei Tage mit dem gespeicherten Strom auskamen wenn das Schiff mal länger lag. Es gab Fernseher die auf 24 Volt umgerüstet waren oder man benutzte einen Umformer den man dazwischenklemmte. Ebenso lief das Radio nur über Umformer oder reichlich 1,5 Volt Batterien. Licht lief ebenfalls über 24 Volt, ebenso die gesammte Bordelektronik. Aufgeladen wurden diese Batterien hauptsächlich wärend der fahrt durch die Hauptmaschine an der ein Generator gekoppelt war, oder eben durch den kleinen Dieselmotor. Sollten die 24 V. Batterien an Leistung verloren haben sah man das direkt an der Beleuchtung, es wurde immer dunkler. Es gab nicht vieles was mit Strom lief, nicht das Ihr jetzt denkt der Herd, der Kühlschrank und die Heizung liefen über Strom, nee nee... Dazu später mehr.
Heute ist es auf Schiffen so das gleich mehrere Generatoren, meist 2, manchmal auch 3, an Bord sind die abwechselnd laufen und rund um die Uhr 380 Volt erzeugen. Runtergeregelt mit einem Transformator auf 220 Volt steht es heute an jeder Steckdose ständig zur verfügung. Umformer im Fernseher, difuse Beleuchtung und 24 Volt Geräte gehören der Vergangenheit an. Im vergleich zu damals sind die Generatoren auch um einiges leistungsstärker und vor allem leiser geworden. "Silent Pack" ist sicher manchem ein Begriff.
Die Gasanlage
Bedingt durch den Mangel an Strom und weil die Leistungsaufnahme der Geräte den Rahmen gesprengt hätte wurden der Herd und der Kühlschrank mit Propangas betrieben. Beim Herd war das eine klasse Sache. Durch die enorme Hitzeabgabe war das Essen meist in der hälfte der Zeit die ein E Herd bräuchte fertig. Meiner Meinung nach kocht man auf einem Gasherd sowieso besser als auf einem E Herd. Seht euch mal Kochsendungen an, da gibt es sehr oft Gasherde. Wird wohl seine Gründe haben. Man ko(ö)nnte damit sogar die Wohnung heizen wenns einem im Winter mal richtig kalt war. Haben wir oft genug gemacht wenn uns die Heizung durch einen defekt ausgefallen ist und die Reparatur mehrere Tage dauerte.
Beim Kühlschrank sah das schon anders aus. Wer sich damit auskennt weiß sicherlich das da immer eine kleine Flamme brennen muß, ähnlich eines Gasboilers zur Warmwasseraufbereitung (Erdgaskunden kennen es sicher). Wehe die geht mal aus... Es ist oft genug vorgekommen das man übers Wochenende nach Hause gefahren ist und man kommt zurück und die Flamme ist aus. Der Kühlschrank war abgetaut, die Lebensmittel schwimmten in einer Pfütze aus Wasser und eigenem Saft. Schuld war meist ein Luftzug der die Flamme ausgepustet hat, selten lag es daran das die angeschlossene 30 Kg Gasflaschen leer war, was aber auch vorgekommen ist. Diese Kühlschränke hatten auch die Angewohnheit von Zeit zu Zeit fürchterlich zu rußen. Jeder der die Zeit mitgemacht hat kann sicherlich ein Lied davon singen. Man geht aus der Wohnng, alles ist in Ordnung, man kommt wieder und die Küche ist schwarz eingedeckt mit Rußflocken. Dadurch das Ruß ölhaltig ist klebt es wunderbar an allem fest und läßt sich nur mit viel Mühe wieder entfernen. Ein Glück sind diese Kühlschränke heutzutage auf Schiffen nur noch sehr selten zu finden.
Dadurch das auf allen Schiffen 220 Volt zur verfügung steht sind Gasherde und Gas-Kühlschränke durch ganz normale elektrische Geräte ersetzt worden.
Dieselofen - Die möchtegern Heizung
Eine Zentralheizung im Sinne wie man die heute kennt gab es damals in der Schiffahrt nicht. Wir hatten in jedem Raum kleine Ölöfen, die mit herkömmlichem Diesel befüllt wurden, stehen. Der Rauchabzug ging über ein Ofenrohr nach draußen. Eine Tankfüllung waren ca. 10 Liter, die hielten, wenn man den Ofen nicht auf höchste Stufe stellte, gut 20 Stunden. Vergaß man den Tank aufzufüllen wurde es sehr schnell kalt in der Wohnung. Bedingt durch die einfache Bauart von Schiffen war eine Wärmeisolierung so gut wie nicht vorhanden. Hinzu kommt noch das die Außenwände aus Stahl sind, was für rasche Abkühlung sorgte. Drehte man den Ofen aber richtig auf schaffte man es problemlos einen 20 qm großen Raum auf weit über 40 Grad zu erwärmen. Mir sind dabei schon Kerzen geschmolzen, die lagen weich wie Butter auf dem Tisch. Ich hatte vergessen den Ofen runterzudrehen, Tür und Fenster waren geschlossen. Sauerstoff gab es keinen mehr in dem Raum aber Hitze bis zum abwinken. Richtig übel wurde es wenn der Wind von oben in das Ofenrohr drückte und unten im Kessel ankam. Das passierte leider öfters wärend der fahrt, besonders beim unterfahren niedriger Brücken, zum Beispiel im Kanal. Die Verpuffung die dabei entsteht konnte schon mal den Ruß aus der Brennkammer durch den oben lose aufliegenden gusseisernen Deckel blasen, wenn nicht gleich der Deckel mit wegflog. Egal wie, das Zimmer war danach garantiert Rabenschwarz und man hatte das gleiche "Putzvergnügen" wie beim Kühlschrank. Ich konnte die Dinger nie leiden.
Später kamen dann richtige Zentralheizungen die mit Diesel befeuert wurden. In der Wohnung gab es dann ganz normale Heizkörper wie "an Land" auch. Baulich unterscheiden diese sich nicht von ganz normalen Ölheizungen wie man sie in vielen Häusern findet.
Mittlerweile ist man, besonders in der Tankschiffahrt, dazu übergegangen elektrische Heizkörper in der Wohnung anzubringen. Tanker transportieren überwiegend brennbare und explosive Stoffe und aus sicherheitstechnischer Sicht sind elektrische Heizungen unbedenklicher. Diese dürfen auch beim Be- und Entladen eingeschaltet bleiben. Wogegen herkömmliche Dieselheizungen immer mit einer Flamme arbeiten. Diese Heizungen musten beim Be- und Entladen von Tankschiffen, je nach der Ladung, abgestellt werden um ein entzünden brennbarer, explosiver Gase zu verhindern. Ebenso musten alle Gasanlagen, also auch Herd und Kühlschrank abgeschaltet werden. Das kann eine ziemlich kalte Angelegenheit werden denn der Lade oder Löschvorgang kann schon mal bis zu 24 Std. dauern. Da sind E-Heizungen schon eine feine Sache, besonders im Winter.
Leben und arbeiten an Bord
Auch hier hat sich durch die Bank durch so ziemlich alles geändert. Das arbeiten ist einfacher und leichter geworden. Durch die ganzen Neuerungen in den letzten 26 Jahren ist es wesendlich angenehmer geworden.
Wenn ich an meine Lehrzeit und die ersten Jahre als Matrose zurückdenk und das mit heute vergleiche, frag ich mich immer noch warum ich das gemacht habe. So gab es damals zum Beispiel keine Schichtfahrt. Ich war, bis auf die 3 mal im Jahr für 4 Wochen Berufsschule wärend der Lehre und den normalem Urlaub (immerhin 46 Tage im Jahr), immer an Bord. Ganz selten kam ich mal übers Wochenende nach hause. Meist sind wir rund um die Uhr gefahren und wenn wir mal am Wochenende gelegen haben waren wir oft zu weit entfernt als das es sich gelohnt hätte einen abstecher nach hause zu machen. Die ersten Jahre als Matrose war ich, bis auf meinen Jahresurlaub, ständig an Bord, manchmal 6 Monate am Stück. Ich hab damals nicht nur an Bord gearbeitet sondern auch gelebt, zumindest könnte man es so nennen.
Heute sieht es da schon besser aus. In der Schiffahrt ist Schichtfahrt standart geworden. Mit Schichtfahrt sind hierbei unterschiedliche Modelle gemeint, denn jede Firma handhabt das anders. So gibt es die folgenden Regelungen:
1 zu 1.) Das bedeutet 1 Teil arbeiten und 1 Teil frei, oder anders gesagt: 1 Woche arbeiten und 1 Woche Freizeit. Hierbei können es aber auch 2-3 Wochen oder 1 Monat sein. Man hat aber auch immer genau solange frei.
2 zu 1.) 2 Teile arbeiten und 1 Teil frei. Man fährt z. B. 2 Wochen und hat 1 Woche Frei oder 20 Tage arbeiten und 10 Tage frei oder 2 Monate arbeiten und 1 Monat frei. Diese Regelung ist standart in der Binnenschiffahrt.
3 zu 1.) Ein eher seltenes Model. Hierbei fährt man meist 3 Wochen und hat 1 Woche frei oder 6 Wochen arbeiten und 2 Wochen frei oder 3 Monate arbeiten und 1 Monat frei. Nichts für mich.
Eingeführt wurde die Schichtfahrt in der Schubschiffahrt. Dort begann man damit, bedingt durch die schwere arbeit, die Besatzung in regelmäßigen Abständen komplett auszutauschen. Jedes Schubschiff hatte eine doppelte Besatzung die nach 14 Tagen wechselte. Später führte man die Schichtfahrt auch auf Tankern und Frachtern ein. Heute fahren nur noch Privatleute ohne Schichtsystem da diese meist nur mit Familienangehörigen an Bord sind und sich ihre Freizeit selber regeln oder aber ihr angestelltes Personal je nach gelegenheit in Freizeit schicken.
Durch die Freizeitregelung ist man natürlich wesendlich öfter zuhause als damals und hat auch endlich das was ich in meiner Anfangszeit so sehr vermisst habe: Ein Privatleben. Von den ganzen sozialen Kontakten zur Familie, Freunde und Umwelt mal ganz abgesehen, denn das gab es früher in dieser Form nicht. Man war eigentlich immer nur unterwegs und wenn man dann doch mal "nach hause" kam, dann als Besucher oder Gast, im schlimmsten Fall als Fremder. Ein Glück gehört das der Vergangenheit an. Heute lebt man zuhause und ist nur zum arbeiten an Bord.







