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Information

Reedereien ohne eigenes Personal

Wenn einer eine arbeit sucht - dann kann er was erzählen.
So erging es auch mir vor längerer Zeit als ich mich aufmachte mir einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Nicht weil ich langeweile hatte, sondern weil mein Zeitvertrag bei meinem damaligem Arbeitgeber in zwei Monaten auslaufen würde, suchte ich nach einem neuen Arbeitsplatz. Was ich dabei erlebt habe schlägt fast alles.

Hinweis:
Aus rechtlichen Gründen verzichte ich auf die Nennung von Firmennamen, Namen von Schiffen, Namen der Partikuliere und andere. Wer aus diesem Beruf kommt braucht die Namen sowieso nicht da es bekannt ist um wem es sich hierbei handen könnte. Bei allen anderen entschuldige ich mich schon mal dafür.

Meine erste Informationsquelle bei der Suche nach Arbeit ist das Internet. Auf dem Portal der Arbeitsagentur findet man die meisten Stellenausschreibungen für den Bereich Binnenschiffahrt. Ich wunderte mich ein wenig darüber das ich dort nicht ein einziges Agebot der großen Firmen in der Binnenschiffahrt finden konnte, denn genau die waren mein Ziel. Was ich fand waren Angebote von Partikulieren, Fahrgastschiffahrt die Saisonarbeiter suchen, und einige Angebote aus der Fährschiffahrt, auch viele der bekannten Krauter die man am besten gar nicht erst anruft.

Ruhige SeeNachdem ich mir einige Angebote ausgedruckt hatte setzte ich mich in Ruhe hin und fing an zu telefonieren. Wie bei jedem Gespräch klingt am Anfang alles wunderbar und toll, ich hatte selten das Gefühl das ich mit der Stelle nicht glücklich werden würde, bis... ja genau... bis es zu der Lohnfrage kommt. In jedem Angebot steht: "Lohn nach Vereinbarung". Darunter kann man sich natürlich vorstellen was man will. Es wird einem kein Lohn vorgegeben sondern man wird gefragt was man an Lohn erwartet. Lange Rede, kurzer Sinn: Es läuft bei fast allen auf weit unter 1000 € hinaus. Das niedrigste Angebot lag bei 600 € und dort wurde nicht mal Schichtarbeit angeboten. Ich wäre also, bis auf den Jahresurlaub, immer an Bord gewesen. Beliebtes Argument dieser Abzocker ist zum Beispiel: "Ich bekommen einen Tschechen schon für 800 €". Nein, das ist kein Witz, das habe ich mehrfach zu hören bekommen. Bei sowas platzt mir dann meist der Kragen und dementsprechen schnell ist das Gespräch dann auch beendet.
Siehe hierzu auch Lohndumping - Billiglohnarbeiter in der Binnenschiffahrt.

Fachvermittlungsstelle für Binnenschiffer

Nach mehreren Versuchen gab ich dann auf und wendete mich an die "Fachvermittlungsstelle für Binnenschiffahrt" die ihren Sitz in der Agentur für Arbeit in Duisburg hat. Übrigens die einzigste Fachvermittlung in ganz Deutschland die sich auf die Binnenschiffahrt spezialisiert hat und somit die erste Adresse für alle Suchenden ist. Nach einem längerem Gespräch mit dem zuständigen Sachbearbeiter wurde mir schnell klar das ich vom Arbeitsamt kaum interessante und lohnende Angebote zu erwarten habe. Vielmehr wurde mir zu verstehen gegeben das nicht mal die hälfte der Personalbewegungen in der Schiffahrt über das Arbeitsamt laufen. Auf ein nachfragen wie das denn aktuell gehandhabt wird bekam ich mehr oder weniger ein ratloses Achselzucken und verstand nach kurzer erläuterung der Situaution ziemlich schnell das der Herr "Sachbearbeiter" keine Ahnung davon hat wie und wo sich große Firmen ihr Personal holen. Abschließend bekam ich noch den Rat mit mich selbst an die Firmen zu wenden und mich vor Ort zu erkundigen. Das bedeutet auf deutsch nichts anderes als Klinkenputzen zu gehen. Eine Frechheit, denn es ist die Aufgabe des Arbeitsamtes mich zu vermitteln und mir die entsprechenden Stellen zu nennen an denen ich mich wenden kann. Aber damit habe ich die Sachbearbeiter vermutlich schon völlig überfordert.

Gut, immer noch besser als auf Angebote des unfähigen Arbeitsamtes zu warten begann ich die großen Firmen, die zu meinem Vorteil fast alle ihren Sitz in Duisburg haben, abzulaufen.

Reedereien in Duisburg

Angefangen habe ich bei der größten Firma in Duisburg-Ruhrort. Nach einem kurzen vortragen meines Anliegens wurde ich gebeten doch in (!) Luxemburg anzurufen, da alle Personalfragen und Einstellungen über Luxemburg ablaufen. Gesagt, getan, nur habe ich bis heute, nach mehreren Monaten, keine Antwort auf meine Bewerbung erhalten. Gut, ich denke mal das die Bewerbung auf einem 8 Meter hohem Stapel abgelegt wurde und bei Personalbedarf damit eine Lotterie betrieben wird. Ich kann mir gut vorstellen das diese Firma regen Zulauf an Personal hat ohne sich selbst darum kümmern zu müssen. Allein schon das man dort über Luxemburg eingestellt wird verspricht ein gutes Einkommen und zieht so die Leute an. Ich habe diese Firma daraufhin abgehakt und bin weitergezogen. Wer zu faul, eingebildet oder arrogant ist mir eine Rückmeldung zukommen zu lassen geht mir eh am A**** vorbei.

Schwanentor im Zentrum von Duisburg. Auch hier hat eine große Firma ihren Sitz und diese Firma ist auf dem Rhein vertreten wie kaum eine andere. Ich will damit sagen das für diese Firma sehr viele Schiffe fahren, also muß da doch was zu machen sein. Dachte ich... Ich also bewaffnet mit allen nötigen Unterlagen ohne voranmeldung aber mit einer guten Portion Selbstbewustsein und Hoffnung rein in das Gebäude und mich nach der Personalabteilung erkundigt. Die Securityschrankwand, die dort im Eingangsbereich rumlungerte sah mich an wie einen Terroristen und wich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, nicht von meiner Seite. Ein komischens Gefühl beschlich mich und ich fragte mich wozu eine Reederei so viel Schutz bräuchte. Angst vor der Rache ausgebeuteter Matrosen ? Hmm..., würde wohl Sinn machen. Die Dame am Empfang war dann so freundlich und rief in der Personalabteilung an und teilte mir mit das gleich jemand runterkommen würde. Oha, ich darf noch nicht mal nach oben ? Dolle Sache... Wenige Minuten später erschien dann auch eine Frau die sich mir als Personalchefin vorstellte. Ich trug mein anliegen vor und denke das ich das auch ganz gut hinbekommen habe. Auf die Antwort war ich aber weniger gefasst: "Es tut mir leid, aber wir stellen selber überhaupt kein Personal mehr ein. Wir haben auch kein eigenes Personal mehr. Wir beziehen unser Personal schon seit langem über eine Leiharbeiterfirma in (!) Luxemburg."
Peng, das hat gesessen. Kein eigenes Personal mehr ??? Gibt es doch gar nicht. Eine Reederei dieser größe hat kein eigenes Personal ?? Ich war sichtlich verwirrt und konnte kaum glauben was ich da hörte. Ich wurde sehr schnell verabschiedet mit dem Angebot mich doch in Luxemburg bei der besagten Firma zu bewerben, vielleicht komme ich dann ja auf eines der Mitgliederschiffe dieser Firma. Na schönen Dank auch... Die Schrankwand drängte mich mehr oder weniger richtung Ausgang. Erst jetzt sah ich die Kameras die mir folgten. Au man, nix wie raus hier, die spinnen ja.

Nun gut, mir ist zwar schleierhaft was das soll, aber irgendeinen Sinn wird es wohl haben das diese Firma ohne eigenes Personal arbeitet. Natürlich wieder einen finanziellen, welchen denn sonst ? Aber was solls, es gibt ja noch einige Firmen bei denen ich mich vorstellen kann.

Homberg, die Stadt im Grünen. Nennt sich nur noch so, ist aber Vergangenheit, Homberg gehört seit langem zu Duisburg. In Homberg hat eine weitere große Firma ihren Sitz direkt am Rhein. Auch diese Firma verfügt über sehr viele Schiffe, also auch über viel Personal, da müßte doch was zu machen sein. Ich bin also hingefahren, wieder bewaffnet mit meinen Unterlagen und allem was ich brauchte um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Nachdem ich geklingelt hatte wurde mir auch die Tür geöffnet. Weiter als bis zu der Dame die dort in einem abgeschottetem Raum die Empfangsdame spielen darf, kam ich aber nicht. Mehr oder weniger unfreundlich wurde ich gefragt was ich denn wollte. Ich sagte also mein Sprüchlein auf das ich mich bewerben möchte und gerne jemanden aus der Personalabteilung sprechen würde. Nachdem die gute Frau sehr kurz mit der Personalabteilung telefoniert hatte wandte sie sich wieder an mich und meinte: "Wie ich gehört habe haben wir kein eigenes Personal mehr und stellen auch gar kein Personal ein." Ach guck an, nicht nur das die Herren aus der Personalabteilung zu faul sind sich selbst nach unten zu bewegen um ein Gespräch mit mir zu führen, nein, sie haben nicht mal eigenes Personal. Da wirft sich bei mir die Frage auf wozu man dann eine Personalabteilung braucht ? Egal, ich fragte die Dame am Empfang über wen die Firma denn ihr Personal bekommt. Sowas muß ich schließlich wissen denn evtl. komme ich über diese Firma an einen lukrativen Arbeitsplatz. Von wegen.... Nachdem ich die Dame überzeugt hatte das es besser wäre nochmals anzurufen und sich zu erkundigen über welche Firma diese Reederei ihr Personal bezieht bekam ich als Antwort: "Das darf ich ihnen nicht sagen". Ja aber hallo... Was war das denn nun ? Ist es etwa ein Geheimnis ? Nachdem ich die Dame noch ein wenig genervt habe um zu erfahren woher diese Reederei ihr Personal bezieht wurde ich recht unfreundlich gebeten zu gehen. Also diese Firma werde ich ganz sicher nicht mehr ansteuern.

Um das ganze hier nun nicht in einen endlosen Beitrag ausufern zu lassen schließe ich an dieser Stelle damit ab. Die hier stehenden Erfahrungen sind identisch mit denen die ich bei weiteren Firmen gemacht habe, wobei ich sagen muß das nur eine Firma wirklich unfreundlich zu mir war. Alle anderen Firmen haben zwar auch kein eigenes Personal mehr und stellen auch niemanden ein, waren dafür aber mehr oder weniger hilfsbereit bei meinen weiteren Recherchen was die Firmen in Luxemburg angeht und konnten mir den einen oder anderen brauchbaren Tip geben.

Entwicklung der Personalpolitik

Trotz allem finde ich diese Entwicklung der Personalpolitik sehr bedenklich. Wenn ich als Arbeitnehmer in der Binnenschiffahrt nur noch über eine Zeitarbeitsfirma die Chance habe einen Job zu bekommen, eben weil die Firmen kein eigenes Personal mehr einstellen, dann wird es gefährlich. Gut, ich wäre zwar fest angestellt in dieser Zeitarbeitsfirma und hätte ein geregeltes Einkommen, bin aber davon abhängig ob die oben beschriebenen Firmen überhaupt Personal benötigen. Sollte das mal nicht der Fall sein, sei es wegen einer schlechten Geschäftslage oder aus anderen Gründen, bekommt die Zeitarbeitsfirma dieses mitgeteilt und schon bin ich der dumme. Praktisch für die Reedereien, sie brauchen kein Personal zu entlassen um kurzfristig auf Sparflamme zu fahren, um so blöder für mich. Ich könnte mich nie darauf verlassen das ich fest auf einem Schiff bin. Es könnte jeden Tag der Anruf kommen das ich dort nicht mehr benötigt werde und, je nach Geschäftslage der Zeitarbeitsfirma, entweder nach Hause oder auf ein anderes Schiff, evtl. sogar auf eines einer ganz anderen Firma, geschickt werde. Leiharbeiter sind ja so schnell zu entsorgen. Die Reedereien machen sich dabei die Finger nicht schmutzig, für die ist das ein gefundenes Fressen und in Luxemburg schießen diese Personaldienstleistungsunternehmen wie Pilze aus den Boden. Und es werden immer mehr. Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung. Ich bin sicher das man sich noch so einiges einfallen lassen wird um möglichst umsonst viel Geld zu scheffeln, den darauf läuft es bei solchen Entwicklungen im endeffekt immer hinaus.

Schlechte Aussichten für Arbeitnehmer

Ich persönlich mache mir keine großen Hoffnungen das sich die Lage in der Binnenschiffahrt noch mal bessert. Dieser Beruf ist schon lange nicht mehr der, den ich gelernt habe. Die Schiffahrt in der heutigen Zeit hat rein gar nichts mehr gemeinsam mit dem weswegen ich damals in die Schiffahrt gegangen bin. Es hat sich grundlegend alles verändert, leider nicht nur zum guten. Meine Motivation in der Binnenschiffahrt weiterzumachen ist längst verflogen. Warum ich dann immer noch in diesem Beruf tätig bin ? Gute Frage, aber versucht mal mit den Qualifikationen und Fähigkeiten eines Steuermanns "an Land" einen vernünftigen Job zu bekommen. Da gibt es nicht viele Möglichkeiten und auf die wenigen die es gibt kommen sehr viele Bewerber aus der Schiffahrt. Wer kann, und die Gelegenheit geboten bekommt, macht den absprung aus der Schiffahrt, was ich bei den aktuellen entwicklungen gut verstehen kann. Ich trag den Gedanken selbst schon lange mit mir und höre mich auch sehr viel um und informiere mich. Ich denke das auch ich bei der erst besten Gelegenheit den absprung machen werde. Aber als Quereinsteiger in eine völlig andere Berufswelt hat man es doppelt so schwer und so wird es wohl noch lange ein Wunschdenken bleiben. Als "Handlanger" möchte ich nie enden.

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